Bernauer Sagen und Märchen

Von Bernd Eccarius – 12/2020

Sagen und Märchen sind eine besondere Art der Betrachtung und Darstellung von Geschichte, wenn man so will, eine spezielle Form der Geschichtsaufarbeitung. Gern wurde und wird diese benutzt um Geschichte näher zu bringen oder Heimatgefühle zu wecken, wie folgende vier Beispiele aus Bernau für den gesamten Barnim deutlich machen sollen

1. Die Gründung der Stadt Bernau

Stadtgründung, oder auch Stadtwerden war im Mittelalter primär ein Rechtsakt. Also nicht das Bauen von Häuser und Mauern machte eine Stadt aus, sondern das Recht dieses tun zu dürfen. So eine Verleihung von Rechten musste aber nachweisbar sein, also beurkundet werden. Und da haben wir das große Problem vieler Städte, denn diese Urkunden sind oft verloren gegangen. So auch in Bernau. Wenn aber genaue Informationen fehlen, eröffnen sich immer Spielräume für Spekulationen. Und so entstehen Sagen, Märchen und Legenden. Bei Gründungssagen ist noch ein anderes Phänomen zu beobachten, denn bei diesen Sagen versucht man sich immer auf den erstmöglichen Rechtgeber zu berufen. In der Mark Brandenburg ist dies in der Regel der Begründer der Mark, Albrecht der Bär.

So beginnt die Gründungssage von Bernau auch mit besagtem hohen Herren:

Abb. 1: Darstellung des Einzugs von Albrecht dem Bär beim Festumzug zum Hussitenfest von Bernau 2017
Abb. 1: Darstellung des Einzugs von Albrecht dem Bär beim Festumzug zum Hussitenfest von Bernau 2017 (Quelle: Heimatmuseum Bernau)

Albrecht der Bär, ein Fürst aus dem Hause der Askanier, zog dereinst auf die Jagd in die Wälder des Barnim. Aber das Glück war ihm nicht hold, kein Stück Wild war zu finden und so drang die Jagdgesellschaft immer tiefe in den Forst. Als zu allem Überfluss auch noch ein Unwetter aufzog, geschah das Unglück. Zur Umkehr war es zu spät und Albrecht verlor Weg und Steg. Erst nach langem Suchen entdeckte man zu später Stunde am Ufer der Panke eine Krugwirtschaft. Groß war da die Freude. Man kehrte ein und es wurde getafelt was die Küche und der Keller hergaben. Vor allem das vorzügliche Bier, welches man den Gästen einschenkte, hatte es unserem Albrecht angetan, so dass er am folgenden Morgen sein Schwert aus der Scheide zog, in die Erde stach und erklärte: „Hier soll eine Stadt entstehen, ein Stadt die sich fürderhin vom Biere nähren soll!“ Das ist unser Bernau.

Dichtung und Wahrheit liegen hier wieder einmal dicht beisammen. Denn Albrecht der Bär war wahrscheinlich nie in Bernau und zu seiner Regierungszeit (1150 / 57-1170) war der Barnim noch in slawischem Besitz. So ist eine Stadtrechtsverleihung durch ihn eher unwahrscheinlich. Aber Bernau besitzt askanisches Stadtrecht, denn der Barnim kam erst unter Albrecht II. (1205-1220) in den Besitz der Askanier. Er könnte am Anfang des 13. Jahrhunderts Bernau zur Stadt erhoben haben. Wahr an der Geschichte ist auf jeden Fall, dass Bernau eine bekannte, wenn nicht gar eine berühmte, aber bestimmt eine bedeutende Braustadt war.

In Spitzenzeiten waren in Bernau von 320 Hausstellen immerhin 146 Braustätten. Und in diesen wurde in der kalten Jahreszeit, also zwischen Bartholomäus und Walpurga (24. August bis 30. April) ein besonderes, starkes schwarzes Bier gebraut, welches weit über die Grenzen der Mark Brandenburg geschätzt wurde. Dieser beliebte, in der Brauordnung „männerbezwingende“ genannte, Starktrunk machte Bernau bekannt und reich. Und so wundert es nicht, dass dieses legendäre Bier auch in der Sagenwelt Bernaus immer wieder auftaucht.

2. Hussiten

Das Bernauer Bier war nicht nur angeblich der Grund für die Stadtgründung, sondern es soll auch bei der Abwehr der Hussiten maßgeblich mitgeholfen haben.

Denn erstens machte sein Genus die Bernauer stark und mutig. Zweitens sollen die Bernauer Frauen den Angreifern kochend heiße Braurückstände aufs Haupt gegossen haben und drittens habe eine Bierladung, die mit Rauschgift und Schlafmittel versetzt war und den Hussiten in die Hände gespielt wurde, dieselben kampfunfähig gemacht.

3. Der Schusterjungengeneral

Die Qualität und Haltbarkeit des Bernauer Bieres wird in der Geschichte vom karrieremachenden Schusterjungen gepriesen.

Abb. 2: Darstellung einer Szene mit Bernauer Bier beim Hussitenfest von Bernau 2018
Abb. 2: Darstellung einer Szene mit Bernauer Bier beim Hussitenfest von Bernau 2018 (Quelle: Heimatmuseum Bernau)

Ein in Berlin bei einem Schuster in die Lehre gehender Bernauer Junge wurde eines Tages von seinem Meister beauftragt eine Kanne Bernauer Bier zu holen. Der Junge, der nicht der Hellste war, zog darauf nach Bernau. Er wusste scheinbar nicht, dass es Bernauer Bier auch im Ratskeller von Berlin gab. Als er nach Hause kam, klärten ihn sein Eltern über seinen Irrtum auf. Am nächsten Morgen wurde der Junge von seinen Eltern mit Bier und einigen Entschuldigungsgeschenken ausgestatte und zurück nach Berlin geschickt. Der Junge zog los, fürchtete aber den Spott und die Strafe seines Meisters sehr. An einer Weggabelung machte er daher halt. Wohin sollte er gehen: Zum Meister nach Berlin oder in die weite Welt? Ein Trupp Soldaten, scheinbar Werber, überredeten ihn, sich ihnen anzuschließen. Was aber sollte er mit dem Bierkrug des Meisters machen? Kurzerhand wurde dieser am Wegweiser unter einem Steinhaufen vergraben.

Unser Schusterjunge zog also los, sein Glück probieren. Nach vielen Jahren, führte ihn, der nun General war, sein Weg wieder nach Berlin. Dort wollte er seinen alten Meister besuchen. Doch niemand erkannte ihn und keiner wollte seine Geschichte glauben. Um zu beweisen, dass er der ehemalige Lehrling war, führte der General seinen Meister und alle anderen zum Wegweiser am Scheideweg. Und siehe da, unter dem Steinhaufen fanden sie den Bierkrug des Meisters. Groß war da die Freude, aber noch größer war die Überraschung als man den Krug öffnete, denn das Bier war nicht verdorben, im Gegenteil durch die lange Lagerung war es noch besser geworden. Jetzt feierten alle das unerwartete Wiedersehen und lobten das vorzügliche Bernauer Bier.

Also, das ist doch die reinste Werbung für Bernauer Bier.

Diese drei Geschichten nehmen Bezug auf wichtige, reale Ereignisse oder Dinge in der Bernauer Geschichte. Stadtgründung und Hussitenabwehr werden scheinbar „erklärt“. Die Bierqualität, mittels einer erfundenen Geschichte über die Haltbarkeit, werbewirksam dargestellt.

4. Bürgerglocke

Eine ganz andere Geschichte ist die von der Bürgerglocke. Hier wird, verpackt in ein Märchen, die Geschichte vom Übergang zum Christentum erzählt. Um dies zu verstehen muss man aber den „Symbolcode“ kennen: Die Glocke steht hier für christlichen Glauben, die Schlangen und Schlangenkönigin für den alten Naturglauben. Aber nun zur Geschichte:

Vor langer, langer Zeit gab es in Bernau und seiner Umgebung eine große Schlangen- und Natternplage. Nicht nur auf den Feldern und in den Wäldern, nein auch, in den Häusern der Bürger, auf den Straßen und Plätzen, im Rathaus und sogar auf dem Altar der Kirche ringelte sich dieses Höllengewürm. Was zu viel war, war zu viel. Man beschloss eine Volksversammlung einzuberufen, um über die Beseitigung der Schlangenplage zu beraten. Aber wie sollte man alle die Leute zusammen rufen? Nun, man brauchte eine große Glocke. So eine Glocke zu gießen war aber teuer, also fing man an Geld zu sammeln. Alle gaben was sie konnten. Nur eine alte Frau besaß gar nichts. Aber auch sie wollte ihren Teil geben. Sie beschloss in den Wald zu gehen, um Kräuter sammeln. Diese wollte sie auf dem Markt verkaufen und den Erlös zum Glockenguss spenden.

Als sie nun im Wald nach Kräutern suchte, sah sie hinter einem Busch ein helles Licht. Sie schob den Busch beiseite und was sie nun erblickte, überraschte sie sehr. Denn dort ringelte sich eine kleine, goldene Schlange, die ein helles Licht umgab. Auf dem Kopf trug sie eine goldene Krone und mit lieblicher Stimme sprach sie: Du hast mich entdeckt und weißt sicher auch, dass ich die Schlangenkönigin bin. Wer mich entdeckt, dem erfülle ich drei Wünsche. Doch die alte Frau hörte nicht auf die Schlangenkönigin. Mit schnellem Griff packt sie die goldene Schlange und steckte sie in ihre Tasche. So ging sie zurück in die Stadt. Dort in Bernau stand schon der Schmelztiegel für den Glockenguss. Die Alte zog nun die Schlange aus der Tasche und warf sie, während sie allerlei Beschwörungsformel murmelte, in die brodelnde Schmelze. Als aber nun die Glocke gegossen war, war so weit sie zu hören war, keine Schlange mehr zu finden.

Über die Jahre aber bekam die Glocke jedoch einen Sprung und so kamen auch die Schlangen zurück in den Barnim.


Empfohlene Zitierweise

Bernd Eccarius: “Bernauer Sagen und Märchen” in Landschaften in Deutschland Online.
URL: http://landschaften-in-deutschland.de/themen/80_b_116-bernauer-sagen-und-maerchen/, Stand 07.12.2020

Bildnachweise

  • Titelbild: Hussitenfest in Bernau 1911: Die Einwohner der Nachbardörfer flüchten nach Bernau (Quelle: Heimatmuseum Bernau)
  • Vorschaubild: Aufnahme vom Festumzug zum Hussitenfest von 1957 (Quelle: Heimatmuseum Bernau)