Alt-Gohlis – Dorf und Großstadtviertel

Von Luise Grundmann – 06/2015

Von der Friedenskirche aus erschließen sich über die Menckestraße, die einstige Hauptstraße des Dorfes Gohlis, charakteristische Baustrukturen aus fast drei Jahrhunderten. Architektonisch und kulturgeschichtlich beeindruckend sind das spätbarocke Gohliser Schlösschen, das Schillerhaus als letztes erhaltenes Bauerngut von 1717 sowie die teilweise im Jungendstil errichteten Wohnhäuser in der Menckestraße. Am Schillerweg erhielten sich mehrere Landhäuser Leipziger Bürger. Der südlich gelegene Poetenweg repräsentiert ein Villenviertel vom Beginn des 19. Jahrhunderts.

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Einleitung

Alt-Gohlis entspricht in etwa dem heute als Gohlis-Süd bezeichneten Stadtviertel. Es liegt direkt nördlich der Leipziger Altstadtgrenze und war bereits seit Mitte des 18. Jahrhunderts beliebter Sommerwohnsitz sowie Ausflugsziel mit Gastronomie. Entlang der Gohliser Straße (bis 1901 Leipziger Straße) wuchs Alt-Gohlis mit der nordwestlichen Altstadt baulich zusammen. Seit den 1880er Jahren war der Ort zunächst mit der Pferdebahn (Depot an der Möckernschen Straße) und seit 1896 mit der Straßenbahn an Leipzig angebunden.

Leipzig-Gohlis: Möckernsche Straße, Ansichtskarte um 1930

Leipzig-Gohlis: Möckernsche Straße, Ansichtskarte um 1930 (IfL: PKL-Goh007)

Der ursprüngliche Ortskern von Alt-Gohlis befindet sich im Bereich der Menckestraße (seit 1900, vorher Dorf- bzw. Hauptstraße). Sie wurde nach der Gelehrtenfamilie Mencke, darunter Lüder Mencke (1658–1726) benannt, der um 1720 Besitzer des Gutes und Inhaber der Gerichtsherrschaft war. Trotz großstädtischer Überbauung Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts blieb der charakteristische Grundriss eines Langgassendorfes erhalten.

Für weitere Informationen zu Alt-Gohlis siehe Denzer et al. 2015 ab Seite 214.

Station 1: Friedenskirche zur Kartenansicht >>

Friedenskirche

Friedenskirche (Foto: Jörg Kosinski, 2015)

Gohlis: Partie an der Kirche, Ansichtskarte um 1907

Gohlis: Partie an der Kirche, Ansichtskarte um 1907 (IfL: PKL-Goh072)

Der Kirchplatz am nördlichen Ende der Gohliser Straße empfiehlt sich als Ausgangspunkt für einen Rundgang durch Alt-Gohlis. Der frühere Lindenplatz, am östlichen Rand des alten Dorfes Gohlis gelegen, erhielt seinen heutigen Namen nach der dort zwischen 1871 und 1873 errichteten Friedenskirche. Die dreischiffige, neugotische Hallenkirche entstand nach Plänen des Leipziger Architekten Hugo Altendorf (1843–1933), nachdem Gohlis durch den Anstieg der Einwohnerzahl eine eigene Kirche benötigte. Heute wird die Kirche vorwiegend für Konzerte und Ausstellungen genutzt.

Station 2: Menckestraße zur Kartenansicht >>

Cajeri's Gosenstube "Ohne Bedenken", Ansichtskarte um 1918

Cajeri’s Gosenstube “Ohne Bedenken”, Ansichtskarte um 1918 (IfL: PKL-Goh147)

Westlich des Kirchplatzes beginnt die Menckestraße. Entlang der einstigen Dorfstraße entstand Alt-Gohlis als Gassendorf auf den nördlichen Terrassen der Nördlichen Rietzschke. Der Ort wurde erstmals 1317 erwähnt. Vom heutigen Kirchplatz ausgehend wurden entlang der Straße im sogenannten Oberdorf Bauerngüter angelegt. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde die Straße zu großen Teilen mit mehrgeschossigen, aufwändig gestalteten städtischen Wohnhäusern neu bebaut. In Nr. 5 präsentiert sich das 1905 umgebaute Gebäude der 1859 eingerichteten Traditionsgaststätte „Cajeris Gosenstube“, die heute als „Gosenschenke ohne Bedenken“ mit Goseausschank (obergäriges Bier) geführt wird.

Im mittleren Teil weitet sich die Menckestraße zu einem Anger. Auf der Freifläche stand zwischen 1685 und 1861 das erste Schulgebäude von Gohlis. Heute befindet sich hier eine kleine Grünanlage. Mit prächtiger Jugendstilfassade macht das Haus Nr. 19 auf sich aufmerksam.

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Gohliser Schlösschen mit Lustgarten

Gohliser Schlösschen mit Lustgarten (Foto: Jörg Kosinski, 2015)

Schloss Gohlis, Ansichtskarte um 1916

Schloss Gohlis, Ansichtskarte um 1916 (IfL: PKL-Goh069)

Am südwestlichen Rand des Angers befindet sich das wohl bekannteste Gebäude von Gohlis. Das spätbarocke Gohliser Schlösschen mit dem markanten Türmchen wurde 1755/ 1756 für den Leipziger Kaufmann Johann Caspar Richter (1708–1770) gebaut. Das Anwesen diente als Sommersitz und erinnert an die Zeit, als vermögende Leipziger Bürger in Gohlis bäuerliche Anwesen kauften, um darauf Sommer- bzw. Landhäuser errichten zu lassen. Das Gohliser Schlösschen entstand auf der Fläche von drei Bauerngütern, die zuvor entfernt werden mussten. Seit 1906 ist das Gebäude in städtischem Besitz und wird als überregionale Kultureinrichtung öffentlich genutzt.

Station 4: Poetenweg zur Kartenansicht >>

Villa Ida

Villa Ida (Foto: Jörg Kosinski, 2015)

Neubau für den Mediencampus

Neubau für den Mediencampus (Foto: Jörg Kosinski, 2015)

Der spätbarocke Lustgarten des Gohliser Schlösschens erstreckt sich nach Süden bis an den Poetenweg. Als Bestandteil eines Villenviertels zwischen dem Dorf Gohlis und dem Rosental wurde der Weg erst am Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer Straße ausgebaut. Am Poetenweg Nr. 28 wurde 2006 der Mediencampus „Villa Ida“ der Medienstiftung Sparkasse Leipzig eingeweiht. Mit der Medienschule „Leipzig School of Media“ entstand hier ein neues kulturelles Zentrum.

Station 5: Primavesistraße zur Kartenansicht >>

Pleiße-Partie im Rosental bei Gohlis, Ansichtskarte um 1911

Pleiße-Partie im Rosental bei Gohlis, Ansichtskarte um 1911 (IfL: PKL-Goh139)

Villa in der Primavesistraße

Villa in der Primavesistraße (Foto: Jörg Kosinski, 2015)

Weitere Villen aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts prägen auch die Primavesistraße. Sie wurde direkt parallel zur Parthe ausgebaut, die nach Flussregulierungen ins ehemalige Flussbett der Pleiße verlegt worden war. Seitdem wird die ebenfalls um 1900 verrohrte und überbaute Nördliche Rietzschke hier in die Parthe eingeleitet. Über mehrere Brücken gelangt man zu Fuß in das unmittelbar benachbarte Rosental.

Grundriss des Rosentals bei Gohlis, Karte um 1780

Grundriss des Rosentals bei Gohlis, Karte um 1780 (IfL: HK 1430)

Station 6: Alte Mühle, Platnerstraße zur Kartenansicht >>

Sanierte Restgebäude vom Ende des 19. Jahrhunderts und Neubauten erinnern am westlichen Rand der alten Ortslage an die ehemalige Gohliser Mühle (Platnerstraße Nr. 9, 11 und 13). Sie wurde an einem Seitenarm der Pleiße angelegt. In dem um 2000 neu gestalteten Komplex „Alte Mühle“ befinden sich heute Büros und gastronomische Einrichtungen.

Station 7: Schillerhaus zur Kartenansicht >>

Auf unserem Rundgang kommen wir erneut in die Menckestraße, die in ihrem westlichen Abschnitt als Unterdorf bezeichnet wurde. Straßenverlauf und Bebauung passten sich dem umbiegenden Terrassenrand der Pleiße an, die bis zu den Gewässerregulierungen um 1900 südlich des Ortes in einem Bogen vorbeifloss. Im Gegensatz zum Oberdorf entstanden im Unterdorf kleinere Anwesen.

Eines davon ist das „Schillerhaus“ (Menckestraße Nr. 42). Es handelt sich um ein 1717 erbautes Bauerngut mit Wohn- und Kastellanhaus sowie Bauerngarten. Das heute kulturell genutzten Gebäude, in dem Friedrich Schiller (1759–1805) den Sommer des Jahres 1785 verbrachte und u.a. die bekannte „Ode an die Freude“ schrieb, ist das älteste erhaltene Bauernanwesen Leipzigs.

Schillerhaus, Ansichtskarte um 1905

Schillerhaus, Ansichtskarte um 1905 (IfL: PKL-Goh136)

Schillerhaus

Schillerhaus (Foto: Andreas Höhn, 2015)

Schokoladenpalais – von der Fabrik zur Wohnanlage

Schokoladenpalais – von der Fabrik zur Wohnanlage (Foto: Jörg Kosinski, 2015)

Auch weitere Güter im Gohliser Unterdorf wurden im 18. Jahrhundert als bürgerliche Sommersitze genutzt. Bei einem kurzen Abstecher durch die Menckestraße in Richtung Gohliser Anger erkennt man, dass der Großteil dieser Güter Ende des 19. Jahrhunderts entfernt und gründerzeitlich neu mit Wohnhäusern und Produktionsgebäuden der Schokoladenfabrik Schütte-Felsche bebaut wurde. Aus mehreren Gebäuden der ehemaligen Fabrik entstand nach 2000 die neue Wohnanlage „Schokoladenpalais“.

Zurück zum Schillerhaus: wenige Schritte weiter biegen wir in den Schillerweg ein.

Station 8: Schillerweg zur Kartenansicht >>

Blick in den Schillerweg

Blick in den Schillerweg (Foto: Jörg Kosinski, 2015)

Am Schillerweg, vorher Lindenstraße, erfolgte ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts eine Erweiterung des Ortes in Richtung Norden. Es wurden vor allem zweigeschossige Landhäuser für Leipziger Bürger gebaut. Mehrere dieser baugeschichtlich interessanten Gebäude (Nr. 6, 8, 14, 17, 19, 23) sind erhalten und verleihen, ergänzt durch angepasste neue Stadthäuser, diesem Wohnviertel einen besonderen Charme.

Station 9: Gründerzeitlicher Wohnungsbau zur Kartenansicht >>

Nördlich der Berggartenstraße schließt um die Eisenacher und Gothaer Straße ein Viertel an, das von vor- und gründerzeitlicher Wohnbebauung geprägt wird. Nach 1945 wurde es städtebaulich vernachlässigt, seit Mitte der 1990er Jahre jedoch als Bestandteil des „Sanierungsgebietes Leipzig-Gohlis“ durch Fördermittel wieder aufgewertet. Neben sanierten Altbauten stehen heute neue Wohnhäuser, zwischen Wolfener, Eisenacher und Lindenthaler Straße entstand ein neuer Stadtplatz.

Station 10: Georg-Schumann-Straße zur Kartenansicht >>

Leipzig-Gohlis – Blick auf die Hallische Str., Ansichtskarte um 1909

Leipzig-Gohlis – Blick auf die Hallische Str., Ansichtskarte um 1909 (IfL: PKL-Goh131)

Auch der Gohliser Abschnitt der Georg-Schumann-Straße (1890–1945 Hallesche Straße), wurde gründerzeitlich mit mehrgeschossigen Wohn- und Geschäftshäusern ausgebaut. Nach 1990 erhielt sie als Magistrale der Großstadtentwicklung eine besondere Förderung im Stadtumbau. Durch die Sanierung der Altbausubstanz, die Förderung des Einzelhandels an der Lindenthaler Straße, den Neubau eines Versorgungszentrums auf einem ehemaligen Brauereigelände an der Breitenfelder Straße sowie durch die Errichtung des Stadtteilzentrums „Gohlis-Arkaden“ an der Lützowstraße zeigen sich bereits erste Erfolge bei der Wiederbelebung der Magistrale.

Die nördlich anschließenden Quartiere bis zur einstigen, 1907 neu verlegten Thüringer Bahnstrecke sind gründerzeitliche Erweiterungsgebiete. Zwischen 1890 und 1900 entstanden geschlossene Mietshausviertel (Elsbethstraße) und teilweise locker mit Villen bebaute Straßenzüge (Blumen- und Lützowstraße).

Station 11: Bahnhof Gohlis zur Kartenansicht >>

Brückenbogen der Eisenbahn mit Obelisken

Brückenbogen der Eisenbahn mit Obelisken (Foto: Jörg Kosinski, 2015)

An den Bahnanlagen der ehemaligen Thüringer Bahn und der neuen S-Bahnstrecke zwischen Leipzig und Halle endet Alt-Gohlis. In der Lützowstraße wird der neue S-Bahnhof Gohlis erreicht, der hier in ein 300 m langes Brückenbauwerk eingefügt wurde. Ein 19 m hoher Brückenbogen aus gelbem Klinker mit zwei vorgebauten Obelisken aus Sandstein markiert den Übergang zu Neu-Gohlis.

Adolf Bleichert & Co, Leipzig-Gohlis: Spezialfabrik für Transportanlagen; Schmiede, Ansichtskarte um 1910

Adolf Bleichert & Co, Leipzig-Gohlis: Spezialfabrik für Transportanlagen; Schmiede, Ansichtskarte um 1910 (IfL: PKL-Industr055)

Durch den Brückenbogen erkennt man bereits die einstige Fabrik Adolf Bleichert & Co, deren Betriebsgelände heute unter Denkmalschutz steht und zur Wohnanlage umgebaut wird.

Empfohlene Zitierweise

Luise Grundmann: “Alt-Gohlis – Dorf und Großstadtviertel” in Landschaften in Deutschland Online.
URL: http://landschaften-in-deutschland.de/exkursionen/78_E_534-altgohlis/, Stand 01.06.2015

Quellen und weiterführende Literatur

  • Vorschaubild: Gohliser Schlösschen. Foto: Jörg Kosinski, 2015

  • Titelbild: © Mapbox © OpenStreetMap, Bearbeitung: Vera Schreiner (IfL)

  • Brogiato, Heinz Peter (2009): Leipzig um 1900. Zweiter Band. Die Stadtteile in kolorierten Ansichtskarten aus dem Archiv des Leibniz-Instituts für Länderkunde Leipzig e.V. – Leipzig.

  • Bürgerverein Gohlis e.V. (Hrsg., 1997): 680 Jahre Gohlis 1317–1997 (= Gohliser Historische Hefte 2). – Leipzig.

  • Denzer, Vera; Dix, Andreas; Porada, Haik Thomas (Hrsg.) (2015): Leipzig: Eine landeskundliche Bestandsaufnahme. Landschaften in Deutschland, Bd. 78. – Köln.

  • Ebert, Willy (1926): Gohlis. Aus der Geschichte eines Leipziger Vorortes. – Leipzig.

  • Frey, Axel (2000): Die Friedenskirche zu Leipzig-Gohlis (= Gohliser Historische Hefte 5). – Leipzig.

  • Hocquél-Schneider, Sabine; Schwarz, Alberto u. Brunhild Vollstädt (2000): Das Gohliser Schlösschen zu Leipzig (hg. vom Freundeskreis Gohliser Schlösschen e. V.). – Leipzig.

  • Nabert, Thomas u. Bernd Rüdiger (1996): Alt-Gohlis. Eine historische und städtebauliche Studie (hg. von Pro Leipzig e. V.). – Leipzig.