Grenzgänge. Eine Radtour durch den Naturpark Barnim

Von Kerstin Bosse – 12/2020

Die Tour führt von dem städtischen Flair des Bezirkes Pankow direkt in die ländliche Idylle des Berliner Nordens. Im Grenzgebiet zwischen einst Ost und West und heute Berlin und Brandenburg oder Stadt und Land trennt und verbindet das Tegeler Fließ beide Gegensätze zugleich.

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Einleitung

Abb. 1: Blick von der Blankenfelder Feldflur nach Berlin
Abb. 1: Blick von der Blankenfelder Feldflur nach Berlin (Foto: Frank Liebke, 2008)

Die Stadt Berlin hat mit ihren nördlichen Ortsteilen Blankenfelde und Lübars bis heute ein dörfliches Ambiente bewahrt. Die Tour führt vorbei an einem herausragenden Schlossbau des 17. / 18. Jahrhunderts zu einer der vergleichsweise wenigen Gutsanlagen der Region und geht direkt in die Feldflur des Berliner Nordens bis nach Brandenburg. Dabei streift sie einen Teil des Berliner Mauerweges, den Verlauf der ehemaligen DDR-Grenzanlagen. Nach deren Rückbau konnte sich auf dem einstigen Grenzstreifen ein Mosaik an ökologisch wertvollen Lebensräumen entwickeln. Auf dem Rückweg nach Berlin führt die Tour über Lübars. Im eingemauerten Berlin war der Ortsteil Ausflugsziel der Westberliner zu dörflichem Landleben.

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Nur einen Kilometer vom S-Bahnhof Pankow entfernt, befindet sich inmitten des ehemaligen Barockparks das Schloss Schönhausen. In dem Barockschloss kann man die Geschichte königlicher Residenz und sozialistischer Repräsentation unter einem Dach nachvollziehen.

Abb. 2: Schloss Schönhausen
Abb. 2: Schloss Schönhausen (Foto: Andrea Brodersen, 2017)

Die Ursprünge des Gebäudes gehen auf ein 1685 errichtetes Gutshaus zurück, welches 1691 in den Besitz der Hohenzollern überging. Seine heutige Gestalt verdankt das Schloss der preußischen Königin Elisabeth Christine, der Gemahlin Friedrichs des Großen. Die restaurierten Wohnräume mit Treppenhaus und Festsaal repräsentieren die Zeit ihrer Sommerresidenz ab 1740. Ab 1949 amtierte in dem Schloss der erste Präsident der DDR, Wilhelm Pieck. Später waren hier bis 1989 die Gäste der DDR-Regierung einquartiert. Einen Eindruck der DDR-Repräsentation vermitteln heute das ehemalige Arbeitszimmer Wilhelm Piecks sowie ein Gästeappartement.

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Weiter stadtauswärts befindet sich der Botanische Volkspark. Ursprünglich wurde er ab 1909 als Hauptschulgarten Berlins auf ehemaligen Rieselfeldern angelegt. Nach der Teilung der Stadt befand sich der Botanische Garten im Westberliner Sektor. Deshalb sollte der im Ostteil gelegene Schulgarten zum Botanischen Garten umgestaltet werden. Hierfür wurde ab 1977 mit der Anlage eines Arboretums, eines Wasser- und Steingartens und verschiedener Staudenbeete begonnen. Nach der politischen Wende bestand für einen zweiten Botanischen Garten für Berlin kein Bedarf mehr, so dass ein weiterer Ausbau verworfen wurde.

Abb. 3: Gewächshäuser im Botanischen Volkspark
Abb. 3: Gewächshäuser im Botanischen Volkspark (Foto: Grün Berlin GmbH, 2016)

Heute heißt die Anlage als Volkspark viele Besucher willkommen und bietet Städtern mit einem grünen Daumen Platz für ökologisches Gärtnern. Aus der Gründungszeit ist eine „Geologische Wand“ erhalten, die auf ca. 50 Metern die mitteleuropäische Erdkruste und ihre verschiedenen Gesteinsarten veranschaulicht. Schaugewächshäuser aus den 1920er Jahren beherbergen botanische Raritäten wie die „Königin der Nacht“ (Selenicereus grandiflorus). In einem der Gewächshäuser werden Kaffee und Kuchen serviert.

Station 3: Stadtgut Blankenfelde zur Kartenansicht >>

Der Berliner Ortsteil Blankenfelde hat seinen ländlichen Charakter bis heute erhalten. Urkundliche Belege existieren bereits von 1284. Seit 1920 ist das einstige Angerdorf Berlin zugeordnet. Prägend im Ort ist das im 16. Jahrhundert erstmalig urkundlich erwähnte Rittergut, das die Stadt Berlin 1882 zum Betrieb der Rieselfeldbewirtschaftung erwarb. Ende des 19. Jahrhunderts lässt die Stadt Berlin einige Gutsgebäude zu einer „Heimstätte“ für Lungenkranke und Wöchnerinnen umbauen. Jedoch wird der Heimstättenbetrieb aufgrund des Gestanks von den Rieselfeldern ca. 1920 aufgegeben. Es folgen Nutzungen als Altersheim, Flüchtlingsquartier während und nach dem Zweiten Weltkrieg sowie Verwaltungssitz der Roten Armee.

In der DDR wurde das Gut als Volkseigenes Gut betrieben, bevor die landwirtschaftliche Produktion nach der politischen Wende allmählich eingestellt wurde und das Ensemble dem Verfall preisgegeben war. Um diesem Schicksal Einhalt zu gebieten, engagierten sich aktive Bürger in dem Verein “StadtGut Blankenfelde”.

Abb. 4: Stadtgut Blankenfelde nach der Sanierung
Abb. 4: Stadtgut Blankenfelde nach der Sanierung (Foto: Stadtgut Blankenfelde e.V., 2015)

Ihrem Einsatzwillen und Durchhaltevermögen ist zu verdanken, dass das 5 ha große Areal heute wieder mit Leben erfüllt ist und auf dem Gelände Wohnen, Lernen, Kunst und Handwerk unter einem Dach vereint sind. Ihre ökologische Philosophie findet sich in der Gestaltung und Bewirtschaftung der Außenanlagen mit Streuobstwiese, Park und Garten wieder. Wer mehr über die wechselnde Geschichte des Gutes erfahren möchte, ist in der Ausstellung „Rieselfelder, Liegekur und Runkelrüben“ in der alten Steinscheune willkommen und obendrein wird für leibliches Wohl gesorgt.

Station 4: Berliner Mauerweg zur Kartenansicht >>

Abb. 5: Berliner Mauerweg bei Lübars
Abb. 5: Berliner Mauerweg bei Lübars (Foto: Frank Liebke, 2008)

Die Route führt nun weiter auf dem Berliner Mauerweg durch das Tegeler Fließtal. Die Trasse kennzeichnet den Verlauf der ehemaligen DDR-Grenzanlagen zu West-Berlin und verläuft größtenteils auf dem ehemaligen Zollweg (West-Berlin) oder auf dem so genannten Kolonnenweg, den die DDR-Grenztruppen für ihre Kontrollfahrten angelegt hatten.

Die Niederung des Tegeler Fließtals ist das Überbleibsel einer Schmelzwasserrinne, in der unter einem Gletscher der letzten Eiszeit das Wasser des abtauenden Eises abfloss. Durch mehrere Sandbarren war es in Becken gegliedert, die sich mit Wasser füllten. Durch Verlandungsprozesse wuchs in den Becken Moor auf. Um das feuchte Grünland auf dem Moor bewirtschaften zu können, legten die Bauern ein enges Netz von Entwässerungsgräben an. Der Entwässerung und Wiesennutzung folgten weitere Eingriffe wie Fließverlegung und -begradigung, Torf- und Sandabbau, Aufschüttungen und Müllverbringung, die zu einschneidenden Veränderungen im Gebiet führten.

Abb. 6: Berliner Mauer bei Lübars, Blankenfelder Chaussee, Juli 1969
Abb. 6: Berliner Mauer bei Lübars, Blankenfelder Chaussee, Juli 1969 (Foto: Karl-Heinz Schubert, Quelle: Landesarchiv Berlin, F Rep. 290 (02), Nr. 0137044.)

Zur Sicherung der Grenze wurden die Flächen von Bebauung und Gehölzbewuchs freigehalten. Nach dem Rückbau der Grenzanlagen eroberte sich die Natur das Tegeler Fließtal zurück. In Berlin und Brandenburg wurden diese Flächen nach europäischem Recht als Flora-Fauna-Habitat (FFH-Gebiet) und teilweise national als Naturschutzgebiet (NSG) für den Naturschutz gesichert.

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Abb. 7: Köpchensee im NSG Niedermoorwiesen am Tegeler Fließ
Abb. 7: Köpchensee im NSG Niedermoorwiesen am Tegeler Fließ (Foto: Frank Liebke, 2008)

Noch auf Berliner Territorium wird bereits das NSG „Niedermoorwiesen am Tegeler Fließ“ betreten. Trotz aller vorherigen Eingriffe entwickelte sich hier eine Vielfalt an Lebensräumen, die zahlreiche Arten beherbergen. So bieten kleine Sträucher geeignete Ansitzwarten für Braunkehlchen, Neuntöter oder Sperbergrasmücke. Der in Deutschland vom Aussterben bedrohte Fischotter hat sich im Fließ wieder angesiedelt. Den scheuen Fischer bekommt kaum jemand zu Gesicht, doch Ein- und Ausstiege am Bach oder die ottertypischen Losungen verraten seine Anwesenheit. Die angrenzende Hochfläche wurde in den 1950er Jahren mit Obstgehölzen bepflanzt, die in den 1990er Jahren durch Neupflanzungen alter Kultursorten ergänzt wurden. Der direkt am Weg befindliche Köppchensee entstand durch die Gewinnung von Torf.

Station 6: FFH-Gebiet Eichwerder Moorwiesen zur Kartenansicht >>

Abb. 8: FFH-Gebiet Moorwiesen
Abb. 8: FFH-Gebiet Moorwiesen (Foto: Andrea Brodersen, 2013)

Auf Brandenburger Territorium schließen sich die Eichwerder Moorwiesen als Teil des Tegeler Fließtals an. Ausgedehnte Niedermoore und Hänge mit sandigen Trockenrasen prägen diesen Abschnitt der Niederung. Der Namen gebende Eichwerder weist auf eine Insel mit Eichenbewuchs hin. Verlandungsprozesse führten rund um die Sandlinse zur Bildung von Torf, sodass die einstige Insel heute von Niedermoor umgeben ist. Die Eichen und vorhandene Gebäude auf dem Eichwerder mussten nach dem Mauerbau dem freien Sichtfeld im Grenzstreifen weichen.

Abb. 9: Steg von Berlin-Hermsdorf nach Schildow
Abb. 9: Steg von Berlin-Hermsdorf nach Schildow (Foto: Sebastian Heise, 2014)

Da ein Großteil des Grünlandes nach der Maueröffnung nicht mehr genutzt wurde, wuchsen Weiden und Erlen auf. Die ehemals angelegten Gräben entwässerten den Torf weiterhin, sodass er nach und nach vererdete. Um das Moor wieder wachsen zu lassen, verschloss die Stiftung Naturschutzfonds Brandenburg zahlreiche Gräben im Gebiet. Im Ergebnis ist der Wasserstand das gesamte Jahr über oberflächennah eingestellt, sodass sich ein Mosaik aus Feuchtwiesen, flachen Kleingewässern und Gehölzsäumen entwickelte. Ein neu errichteter Steg führt auf sicheren Pfaden durch Erlenbruch direkt zurück nach Berlin.

Station 7: FFH-Gebiet Tegeler Fließtal zur Kartenansicht >>

Abb. 10: Steg im FFH-Gebiet Tegeler Fließtal in Berlin
Abb. 10: Steg im FFH-Gebiet Tegeler Fließtal in Berlin (Foto: Andrea Brodersen, 2014)

Auf Berliner Seite bietet der Eichwerder Steg Einblicke in die urige Bachaue und trockenen Fußes sind Krebsschere, Sumpfschwertlilie und Blaujungfern zu entdecken. Kranich, Eisvogel, Beutelmeise, Teich- und Sumpfrohrsänger brüten im Gebiet und zahlreiche Lurcharten finden ihre Laichplätze. Auf dem Steg geben Hinweistafeln Auskunft über weitere Kostbarkeiten dieser Sumpflandschaft.

Station 8: Lübars – einst exotisches Ausflugsziel für West-Berliner zu bäuerlichem Alltag zur Kartenansicht >>

Den Berliner Teil des Tegeler Fließtals rahmt das 1230 gegründete Lübars, das zur Gründungszeit dem Benediktinerkloster Spandau gehörte. Das märkische Dorf wurde 1920 der Einheitsgemeinde Groß-Berlin zugeordnet. Während der Teilung Berlins galt es als exotisches Ausflugsziel zu bäuerlichem Landleben innerhalb der eingemauerten Millionenstadt.

Abb. 11: Alt-Lübars am Anger vor dem LabSaal, Ansichtskarte von 1904
Abb. 11: Alt-Lübars am Anger vor dem LabSaal, Ansichtskarte von 1904 (Quelle: Sammlung LabSaal)

Historisch gut erhalten und denkmalgeschützt ist der Dorfanger mit spätbarocker Kirche, Feuerwache und Schulhaus. Der Kirchenneubau ist nach einem Dorfbrand von 1794 ein Beispiel für den Aufschwung des Kirchenbaus im 18. Jahrhundert. Den prächtigen barocken Kanzelaltar stiftete 1739 Friedrich Wilhelm I. für die Gertraudenkirche am Spittelmarkt in Berlin. Seit 1956 schmückt er die Dorfkirche von Lübars.

Abb. 12: Alt Lübars, LabSaal
Abb. 12: Alt Lübars, LabSaal (Foto: Naturpark Barnim, 2016)

Im 19. Jahrhundert begannen Einwohner der Großstadt in die ländliche Idylle zu ziehen. Die gründerzeitlichen Bauernhöfe und Gebäude um den Dorfanger sind Zeugen dieser Zeit. So auch der Alte Dorfkrug. Nach historischem Vorbild restauriert, heißt er noch heute seine Gäste willkommen. Wechselnde Ausstellungen und ein buntes Kulturprogramm runden das Angebot des Wirtshauses ab. Heute prägt vor allem die Pferdewirtschaft den ländlichen Charakter des Berliner Ortsteils.

Station 9: Freizeit- und Erholungspark Lübars zur Kartenansicht >>

Abb. 13: Müllkippe Lübars mit Märkischem Viertel 1972
Abb. 13: Müllkippe Lübars mit Märkischem Viertel 1972 (Foto: Oskar Tschörner)

Zwischen dem alten Dorfkern von Lübars und dem Märkischen Viertel entstand auf der Fläche einer ehemaligen Mülldeponie ein Freizeit- und Erholungspark für das dicht besiedelte Märkische Viertel. Von 1957 bis 1981 wurde hier Hausmüll verkippt. Da Bürgerproteste 1972 die Erweiterungspläne für die Deponie stoppten, wurde nach Schließung der Deponie der Müll Westberlins gegen Devisen auf DDR-Mülldeponien abgelagert.

Abb. 14: Freizeit- und Erholungspark Lübars
Abb. 14: Freizeit- und Erholungspark Lübars (Foto: Andrea Brodersen, 2017)

Von der sogenannten Lübarser Höhe, dem höchsten Punkt der ehemaligen Deponie, ist der Blick frei Richtung Brandenburg und Berlin. Das Areal ermöglicht vielfache Freizeitaktivitäten für Paragleiter, Drachenflieger, Wanderer, Radler und Reiter.

Abb. 15: Familienfarm Lübars
Abb. 15: Familienfarm Lübars (Foto: Andrea Brodersen, 2017)

Am Fuße des Berges bietet die Familienfarm Lübars mit Streichelgehege, Kräutergarten und Imkermuseum verschiedene Angebote für Kinder und Familien.


Empfohlene Zitierweise

Kerstin Bosse: “Grenzgänge. Eine Radtour durch den Naturpark Barnim” in Landschaften in Deutschland Online.
URL: http://landschaften-in-deutschland.de/exkursionen/80_e_502-grenzgaenge/, Stand 07.12.2020

Quellen und weiterführende Literatur

Bildnachweise

  • Vorschaubild: Blick von der Blankenfelder Feldflur nach Berlin (Foto: Frank Liebke, 2008)
  • Titelbild: FFH-Gebiet Eichwerder Moorwiesen (Foto: Andrea Brodersen, 2013)